← Alle Artikel

#PEOPLE · LinkedIn-Original

Ich hatte mal einen Fußballtrainer, der hieß Jürgen – nicht Klopp, aber trotzdem gut.

Autor: Dr. Michael Zeisig · Erstmals veröffentlicht: 3. Mai 2021

Ein aufmerksamer Fußballtrainer beobachtet eine Mannschaft vom Spielfeldrand im Abendlicht.
Bildquelle: KI-generiert

Ich hatte mal einen Fußballtrainer, der hieß Jürgen – nicht Klopp, aber trotzdem gut. Und ich erinnere mich noch ganz genau an diese ersten Spielminuten, nachdem der Schiedsrichter das Spiel angepfiffen hatte: In manchen Spielen brauchte es tatsächlich nur 1-2 Minuten, ehe Jürgen lauthals und beinahe wutentbrannt auf den Platz rief: „K-ö-r-p-e-r-s-p-a-n-n-u-n-g!!!“. Dann wussten wir alle Bescheid und manchmal hat allein dieser frühe Weckruf ausgereicht, um den Spielverlauf zu unseren Gunsten positiv zu beeinflussen. Was war geschehen? Und was hatte es mit dieser „Körperspannung“ auf sich?

Nun – es ging um die Einstellung, um den Willen zum Erfolg, der durch die Körpersprache einiger entscheidender Spieler bereits nach wenigen Minuten Spieldauer deutlich sichtbar wird, oder auch nicht – Jürgen nannte es

Körperspannung

Und in der Tat, wenn ich heute nach vielen, vielen Jahren das sportliche Geschehen im Mannschaftssport meist nur noch aus der Zuschauerperspektive verfolge, so sehe ich bereits nach wenigen Minuten, welches Team mit der richtigen Einstellung auf dem Platz steht und wer das Spiel unbedingt gewinnen will. Kennen Sie das? Die (sportliche) Erfahrung zeigt, dass das Phänomen „mangelnder Körperspannung“ kein Differenzierungsmerkmal ist, das schlechte von guten Teams unterscheidet. Alle Teams sind davon gleichermaßen betroffen. Gerade die erfolgreichen, erfolgsverwöhnten Teams sind es, die – zumindest im Sport – als Tabellenführer beim Tabellenschlusslicht im nächsten Spiel die überraschende Niederlage kassieren. Otto Rehagel – eine bekannte deutsche Fußballtrainer Legende – soll dazu mal gesagt haben: „Die Wahrheit liegt auf dem Platz!“.

Und genauso ist es auch im betrieblichen Alltag von Veränderungsprozessen – auch hier liegt die Wahrheit auf dem Platz, auch hier lässt sich der Wille zur Veränderung an der „Körperspannung“ der Akteure auf dem Spielfeld strategischer Veränderungsprojekte ablesen.

Erst kürzlich durfte ich bei einem Kunden einen Workshop mit Führungskräften moderieren. Die Geschäftsführung eines Marktführers machte sich große Sorgen darum, dass vermeintlich kleinere Konkurrenten zunehmend Marktanteile eroberten. Ein Workshop mit allen entscheidenden Führungskräften wurde einberufen. Kognitiv herrschte große Einigkeit darüber, dass die eigene Wettbewerbsfähigkeit trotz zuletzt äußerst erfolgreicher Geschäftsjahre in Gefahr sei: „Wir sind gegenüber der Konkurrenz um 20-30% zu teuer, zu schwerfällig, zu langsam beim Umsetzen innovativer Lösungen, zu wenig kundenorientiert, stark mit uns selbst beschäftig und zu sehr fokussiert auf die wenigen Bestandskunden, die heute über 80% unseres Geschäfts ausmachen.“

Veränderungen mussten her und waren schnell gefunden: Innovationsprojekte beschleunigen, eine Handvoll Kunden über Kampfpreise zurückholen und ein paar „Quick Wins“ oben drauf. Soweit die Kurzfassung der vereinbarten Workshop Ergebnisse – die Spieltaktik für die kommenden Wochen und Monate wurde wie in einer Mannschaftsbesprechung kurz vor Anpfiff des anstehenden Punktspiels in diesem Workshop besprochen und klar verabredet.

Dann ging es auf den Platz!

Ein paar Wochen später – quasi zur Halbzeit der Umsetzung der verabredeten Kurzfristmaßnahmen – traf wir uns wieder – zum Pausentee: Gemeinsam schauten wir auf den Umsetzungstand der vereinbarten Maßnahmen. Ernüchternd stellten wir fest, dass mal wieder der Alltag eingekehrt war: Das „operative Geschäft“ hatte wieder zugeschlagen – wichtige Kundentermine hier, sich verschärfende Probleme mit der Produktivität am Produktionsstandort x dort und überhaupt: CORONA!

Für den Singsang der wortreichen Ausreden, warum das Spiel in der ersten Halbzeit verloren wurde, hatten inklusive der Geschäftsführung alle vollstes Verständnis!

Da habe ich mich an Jürgen erinnert, an seinen Weckruf nach wenigen Spielminuten und an die K-Ö-R-P-E-R-S-P-A-N-N-U-G! Diese Geschichte habe ich dann im Nachgang mit den Geschäftsführern geteilt und wir waren uns einig: Als Trainer eines (Führungs-)Teams reicht es nicht aus, beim Pausentee über die verpassten Chancen zu lamentieren. Als Führungskraft musst Du vor Ort sein und das Spiel vom Spielfeldrand aus beobachten und wenn nötig auch mal angemessen ins Spielgeschehen eingreifen – denn:

Die Wahrheit liegt auch im betrieblichen Führungsalltag auf dem Platz!

Und nur dann hat man die Chance in den ersten Minuten die Körperspannung mit eigenen Augen wahrzunehmen. Ich will jetzt nicht sagen, dass Geschäftsführer und Führungskräfte so wie Jürgen früher von außen aufs Spielfeld „brüllen“ sollen. Aber angemessenes Feedback und das An-/Aussprechen klarer Erwartungshaltungen gehören zum 1x1 guter Führungsarbeit – Jürgen hat mich als Spieler damals sogar einmal ausgewechselt – wegen dauerhaft ausgebliebener Körperspannung!

Ach, ja: Wie ist´s um die Körperspannung in Ihrem (Führungs-)team bestellt?

Artikel teilen↗

Was bedeutet das für Ihr Unternehmen?

Lassen Sie uns Ihre Fragestellung gemeinsam einordnen.

Ins Gespräch kommen↗
Original publication

standalone

Die Wahrheit liegt auf dem Platz – auch in Veränderungsprojekten. Warum Führung Präsenz, klare Erwartungen und einen Blick für die Haltung im Team braucht.